Rezension: Anna-Mariia Kostiuk - Namenlos 1 Warum Mütter töten
Klappentext:
»Ich habe getötet. Und nicht nur einmal.«
Heute wird Arina drei. Ihre Mutter Anastasia ist zu müde, um daran zu denken. Abends wünscht sie sich, dieser Tag möge nicht zählen. Am Morgen hat Arina wieder Geburtstag.
»Ich liebe sie - und trotzdem will ich manchmal nur liegen bleiben und nicht mehr aufstehen.« Kyjiw im Krieg, kein Strom, über hunderttausend Hrywnja Schulden - mehr, als sie in diesem Leben zurückzahlen kann. Ein Anruf vom Inkasso: Heute kommt jemand vorbei. Und ihr Mann: Dreht sich sein Schlüssel im Schloss, erstarrt das Kind.
Der Tag wird zur Zeitschleife, und nur Anastasia erinnert sich. Sie schenkt Arina Geburtstage, die über Nacht verschwinden; die Müdigkeit aber bleibt. Was darf ein Mensch tun, wenn der nächste Morgen alle Spuren löscht? Vielleicht ist es eine Erlaubnis. Vielleicht eine Falle.
Jahre später fragt eine Journalistin, warum Anastasia nie im Gefängnis saß. »Keine Leiche. Keine Akte. Nicht einmal die Tage, an denen es passiert ist.« Dann beginnt die Beichte.
»Vielleicht brauche ich zuerst einen Menschen, der die Wahrheit hört und trotzdem sitzen bleibt.«
meine Meinung:
Dieses Buch läuft mir bereits seit ein paar Tagen nach ... Mit "Warum Mütter töten" hat Anna-Mariia Kostiuk eine Geschichte geschrieben, die ich zwar beendet habe, aber dennoch nicht abschließen kann.
Aufgrund der Hinweise, die die Autorin vorab gegeben hatte, war ich auf eine aufwühlende Lektüre eingestellt. Dass mich die Geschichte allerdings so lange beschäftigen würde, hatte ich nicht erwartet.
Anna-Mariia Kostiuk schafft es, Lesende unmittelbar in den Bann der Geschichte zu ziehen. Es gibt keine ausschweifende Einleitung, man ist direkt mittendrin in den Gedanken und Geschehnissen. Man begleitet Anastasia immer wieder durch denselben Tag, der für sie selbst jedoch jedes Mal anders verläuft.
Schon vor der Lektüre und auch während des Lesens habe ich mich gefragt, wie ich selbst auf eine solche Zeitschleife reagieren würde. Im Laufe der Geschichte haben sich meine Überlegungen immer wieder verändert. Anastasia ist schließlich die Einzige, die sich an die vorherigen Durchläufe erinnert, und probiert deshalb verschiedene Szenarien aus. Dabei kam unweigerlich die Frage auf: Wie weit würde ich persönlich gehen, wenn ich in ihrer Haut stecken würde?
Eine Antwort darauf werde ich wohl niemals finden. Menschen können viel darüber sagen, wie sie sich in einer bestimmten Situation verhalten würden. Doch wenn sie plötzlich tatsächlich darin stecken, reagieren sie vielleicht ganz anders, als sie es sich vorher ausgemalt haben.
Ich werde Anastasia deshalb nicht verurteilen, egal, wie sie gehandelt hat. Im Gegenteil: Ich bewundere sie. Für ihren Mut, ihre Entschlossenheit und ihren Willen, immer wieder weiterzumachen.
Die dreijährige Ariana tut mir unendlich leid. Ich bin selbst Mama und möchte mein Kind vor allem Unheil beschützen. Doch wenn man mit einem alkoholabhängigen und gewalttätigen Mann zusammenlebt, der gleichzeitig der Vater des eigenen Kindes ist, kann ich mir nur schwer vorstellen, wie belastend und ausweglos sich eine solche Situation anfühlen muss. Wenn ein kleines Kind stattdessen ständig in Angst leben muss, weil es jederzeit damit rechnen muss, dass der Papa laut oder gewalttätig wird, hinterlässt das Spuren in einer Kinderseele. Dieser Gedanke hat mich besonders getroffen.
Anna-Mariia Kostiuk schreibt schnörkellos und ohne Umschweife, dabei aber unglaublich ausdrucksstark. Ihr Schreibstil hat mich bereits auf den ersten Seiten gepackt. Nicht nur die Geschichte selbst ließ mich sprachlos zurück, auch ihre Wortwahl hat meine Gefühle immer wieder verstärkt. Ihre Beschreibungen sind so unmittelbar und nah, dass ich mich stellenweise fühlte, als wäre ich selbst Anastasia. Ich war emotional mitten im Geschehen und konnte dennoch eine gewisse Distanz bewahren, weil ich die beschriebenen Situationen glücklicherweise nicht aus eigener Erfahrung kenne.
Die Autorin weist ausdrücklich auf sensible Themen wie häusliche und sexualisierte Gewalt, Tötungen, Armut, Suizid und den Tod eines Kindes hin. Diese Hinweise sollte man ernst nehmen. Ich würde "Warum Mütter töten" daher nur Menschen empfehlen, die sich bewusst auf eine solche Geschichte einlassen möchten. Es ist definitiv keine leichte Lektüre und nichts für schwache Nerven.
Dieses Buch ist sprachgewaltig. Es hat mich an vielen Stellen tief berührt, aufgewühlt und nachdenklich zurückgelassen.
Ich glaube, ich muss es nochmal lesen ...
©2026 Mademoiselle Cake
buchige Daten:
Titel: Warum Mütter töten
Reihe: Namenlos
Band: 1
Text: Anna-Mariia Kostiuk
Übersetzung: Inna Potapenko
Verlag: Self-Publishing
Ersterscheinung: 2026
Genre: psychologischer Roman
Rezension vom: 05.11.26
