Rezension: Jaap ter Haar - Behalt das Leben lieb
Klappentext:
Am Ende der Dunkelheit
Durch einen Unfall verliert der 13-jährige Beer sein Augenlicht. In der nächsten Zeit durchlebt er Phasen der tiefsten Niedergeschlagenheit, aber auch Augenblicke der Hoffnung. Seine Familie wird vor Probleme gestellt, die nur mit viel Einfühlungsvermögen zu bewältigen sind. Doch trotz aller Verzweiflung und Angst, in die Beer gestürzt wird, eröffnen sich ihm neue Wege und Möglichkeiten, dieses veränderte Leben zu meistern.
meine Meinung:
„Behalt das Leben lieb“ von Jaap ter Haar ist ein Jugendbuch, das seit Jahrzehnten immer wieder im Schulunterricht gelesen wird. Als ich erfahren habe, dass es an der Schule meines Kindes teilweise zur Lektüre gehört, wollte ich zuerst selbst einen Blick hineinwerfen. Mich hat vor allem interessiert, wie der Autor mit dem Thema Blindheit nach einem Unfall umgeht.
Der Roman erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Beer, der nach einem schweren Unfall sein Augenlicht verliert und sich plötzlich in einer völlig neuen Realität zurechtfinden muss. Neben der körperlichen Veränderung steht vor allem die emotionale Verarbeitung im Mittelpunkt: Verzweiflung, Wut, Hoffnung und schließlich der vorsichtige Versuch, das eigene Leben neu zu begreifen.
Der Schreibstil in „Behalt das Leben lieb“ ist leicht zugänglich. Man findet schnell in die Handlung hinein, viele Szenen lesen sich flüssig und manche Momente haben mich tatsächlich berührt. Gleichzeitig gibt es Passagen, in denen sich die Geschichte etwas zieht und der Erzählfluss kurz ins Stocken gerät.
Weniger überzeugt hat mich der Unfall selbst, der den Ausgangspunkt der Handlung bildet. Wenn man sich die Situation bildlich vorstellt, wirkt sie wenig glaubwürdig. Es fiel mir schwer nachzuvollziehen, dass Beer unter diesen Umständen überhaupt überlebt haben soll. Dieser Einstieg wirkte auf mich konstruiert und hat mich gleich zu Beginn etwas aus der Geschichte herausgerissen.
Überzeugender fand ich dagegen die Darstellung von Beers Umfeld. Seine Familie, die Menschen um ihn herum und die vielen kleinen Alltagssituationen wirken deutlich authentischer. Beim Lesen wird man immer wieder mit Fragen konfrontiert, über die man als sehender Mensch normalerweise kaum nachdenkt: Wie bewegt man sich sicher durch eine Wohnung? Wie verändert sich der Schulalltag? Wie reagieren Freundinnen und Freunde? Gerade diese Perspektiven machen das Buch interessant, weil sie einen Einblick in Lebensrealitäten gibt, die vielen Lesenden fremd sind.
Spannend fand ich auch die Einblicke in die praktischen Aspekte, die nebenbei vermittelt werden. Der Roman zeigt, wie Blindenschrift funktioniert und wie blinde Menschen Fächer wie Mathematik oder Physik lernen können. Solche Details verdeutlichen, wie viel Anpassung und Lernbereitschaft hinter einem Alltag ohne Augenlicht stehen.
Die Handlung selbst bleibt allerdings an einigen Stellen vorhersehbar. Bestimmte Entwicklungen zeichnen sich relativ früh ab. Ein Beispiel ist ein Geschenk für Beer, das ich bereits mehrere Seiten vorher erwartet hatte. Dadurch verliert die Geschichte stellenweise etwas an Spannung.
Inhaltlich kehrt der Roman immer wieder zu einer zentralen Botschaft zurück: dass innere Werte wichtiger sind als die äußere Erscheinung. Gerade für Jugendliche in der Pubertät ist das eine Erinnerung, die vermutlich nicht oft genug ausgesprochen werden kann. In einem Alter, in dem Aussehen und Wirkung nach außen eine große Rolle spielen, kann ein Buch wie dieses zumindest zum Nachdenken anregen.
Das Buch erschien ursprünglich 1976 und ist damit inzwischen ein halbes Jahrhundert alt. Dass „Behalt das Leben“ lieb trotzdem noch immer im Unterricht gelesen wird, zeigt, wie langlebig manche Jugendbücher sind. Gleichzeitig frage ich mich, ob es heute nicht auch modernere Geschichten über Blindheit gibt, die näher an der heutigen Lebensrealität von Jugendlichen liegen.
Trotz einiger Schwächen habe ich das Buch insgesamt gern gelesen. Die Geschichte überzeugt vor allem durch ihren einfühlsamen Blick auf Familie, Freundschaft und den schwierigen Prozess, ein Leben mit einer plötzlichen Behinderung neu zu ordnen.
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buchige Daten:
Titel: Behalt das Leben lieb
Text: Jaap ter Haar
Übersetzung: Hans-Joachim Schädlich
Verlag: dtv pocket
Ersterscheinung: 1976
Genre: Jugendroman
Altersempfehlung: ab 12
Rezension vom: 16.03.26
