📚 Jana stellt vor: Die Mittellosen


Letzte Woche hat euch Sabine einen Historienschmöker vorgestellt, "der von der ersten Seite an fesselt und bildgewaltig das Leben der FĂŒrstentochter Nesta ferch Rhys behandelt". In Woche 69 unseres Projekts "vergessene SchĂ€tze" stellt euch Jana erneut einen ihrer SchĂ€tze vor:
Klappentext:

Als der Ladenbesitzer MĂłzsi von der Zwangsarbeit ins Dorf zurĂŒckkehrt, hat er keine Ähnlichkeit mehr mit einem Juden. Er wird nie wieder einen schwarzen Kaftan tragen. Auch kein weißes Hemd. Er fragt nicht, wohin seine Ware sich verflĂŒchtigt hat: »Aus dem Haus sind die Möbel verschwunden, aus den Regalen die BĂŒcher, aus den Herzen das Erbarmen.«

In diesem Dorf wĂ€chst Jahrzehnte spĂ€ter, in den 1970er Jahren, ein Junge auf, der ErzĂ€hler des Romans. Der ElfjĂ€hrige muss schwere körperliche Arbeit verrichten, er friert und hungert. Nur in der BeschĂ€ftigung mit den Primzahlen findet er sich selbst – und etwas wie das GlĂŒck der Distanz. Mit seiner Ă€lteren Schwester versucht er, die Mutter vom Suizid abzuhalten. Der Vater, Traktorist in einer LPG, versĂ€uft das Geld und prĂŒgelt. Die Familie ist stigmatisiert. Über die Vergangenheit darf nicht geredet werden. Sind sie Juden? Aus RumĂ€nien vertrieben orthodoxe Christen? Warum werden sie ausgegrenzt?


Janas Meinung:

Im Februar 2014 nahm sich der Autor das Leben. Dieser Satz, so wahr wie endgĂŒltig, findet sich in der dem Roman vorangestellten Kurzbiografie SzilĂĄrd BorbĂ©lys. In der ErzĂ€hlfiktion „Die Mittellosen“ schildert der Autor seine Kindheit in einem ungarischen Dorf der 1970er Jahre.

Missgunst, Gewalt, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit: Das Dorf ist wahrlichkein Ort fĂŒr zartbesaitete GemĂŒter. Die Menschen hier verhalten sich in ihrem Hass auf alles, was anders ist, so wie schon seit Jahrhunderten: Herkunft und Stand spielen auch unter den „Genossen“ eine Rolle, endlich haben „die Bauern“ die offizielle Erlaubnis, es jenen heimzuzahlen, die klĂŒger gewirtschaftet haben als sie selbst. Der einzige im Dorf verbliebene Jude wird weiterhin gemieden, viel zu adrett sahen doch seine Töchter immer aus. Selbst noch, als sie deportiert wurden.

Der junge ErzĂ€hler sticht mit seinen scharfsinnigen Gedanken aus seiner Umgebung hervor und wird dafĂŒr gemieden und verprĂŒgelt. Denn „die Bauern“ denken nicht, um ihr eigenes Elend nicht sehen zu mĂŒssen, wie die Mutter feststellt. Sie selbst steht oft kurz vor dem Suizid, ihre Kinder zerren sie zurĂŒck, wenn sie versucht, sich umzubringen. Sie frönt dem Antisemitismus, pflegt dann hinter zugezogenen VorhĂ€ngen aber BrĂ€uche, von denen man manchmal nicht weiß: Sind es christliche oder jĂŒdische? Beides ist nicht gern gesehen in diesen vom Realsozialismus geprĂ€gten Zeiten. Der Vater sucht Anschluss, doch auch der tĂ€gliche Gang in die Kneipe hilft ihm nicht weiter; zu Hause prĂŒgelt er auf die Familie ein. Bestehen bleibt das Geheimnis um die Familie. Warum werden sie ausgegrenzt,ist es die Herkunft des Vaters, die sie zu AussĂ€tzigen macht?

Positive Schilderungen kann man sich nach der LektĂŒre nur schwer ins GedĂ€chtnis zu rufen. Warum man das Buch dann trotzdem nicht aus der Hand legen kann? Es ist die klare, harte Sprache, die einen in fast voyeuristischer Faszination weiterlesen lĂ€sst. Die schlechtesten Seiten der Menschen werden hier gnadenlos unters VergrĂ¶ĂŸerungsglas gezerrt. Dabei macht BorbĂ©ly – ganz anders als sein Schriftstellerkollege und Landsmann György DragomĂĄn – auch nicht vor Kindern halt. Diese agieren ebenso grausam und rĂŒcksichtslos wie die Erwachsenen. Der junge ErzĂ€hler ist davon nicht ausgenommen. Empfindet man erst Mitleid, so folgt Erschrecken, wenn er mit Freude Katzenjungen in der Regentonne ertrĂ€nkt. Dabei ist es bemerkenswert, wie er sich dennoch der Verrohung standhaft widersetzt, trotz der alles umgreifenden VulgaritĂ€t sein Heil im Rechnen, in den Primzahlen sucht. ZurĂŒckgezogen, leise – vielleicht schon damals depressiv, wie der Autor spĂ€ter feststellt.

„Die Mittellosen“ ist als erster und letzter Roman von SzilĂĄrd BorbĂ©ly untrennbar mit dessen Biografie verknĂŒpft. Die in dieser Ausgabe abgedruckten Essays und die Erinnerungen eines Freundes tragen daher sehr dazu bei, das Gelesene besser einzuordnen.

©2016



Meinungen von anderen Lesern:





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Habt ihr das Buch schon gelesen? (hinterlasst doch einen Link zu eurer Rezension und ich verlinke auch euch)
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- Wandert das Buch direkt auf eure Wunschliste?
- Liegt es gar schon auf dem SuB?

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