Rezension: Maja Ilisch - Die verborgenen Bilder


Klappentext:

Frieke ist zornig - über die Trennung ihrer Eltern, auf den Freund ihres Vaters, über die Aussicht, umziehen zu müssen. Doch die neue Wohnung birgt ein Geheimnis: Unter den Tapeten kommen alte Zeichnungen zum Vorschein, und wenn Frieke diese Bilder berührt, kann sie in die Vergangenheit reisen!

So lernt sie die gleichaltrige Ilsabeth kennen, die ihre Zeichnungen vor fast hundert Jahren an den Wänden verewigt hat. Die beiden Mädchen freunden sich an, und in Ilsabeths heiler Familie findet Frieke all das, was sie in der Gegenwart so sehr vermisst. Immer häufiger reist sie in die späten 1920er - aber nicht alles an dieser Zeit ist so toll, wie es Frieke zuerst erscheint. Und die Schatten der Vergangenheit reichen bis in ihre eigene Gegenwart ...

meine Meinung:

Als ich den Klappentext zu „Die verborgenen Bilder“ von Maja Ilisch gelesen habe, war meine Erwartung klar: eine bewegende Geschichte, die jungen Lesenden die NS-Zeit auf besondere, vielleicht sogar behutsam fantastische Weise näherbringt. Dass der Roman in den späten 1920er Jahren einsetzt, hat mich zwar stutzen lassen, aber genau das hat meine Neugier geweckt. Ich wollte wissen, wie dieses Setting später mit der angekündigten historischen Dimension verknüpft wird.

Der Einstieg ist ausführlich, beinahe ausufernd. Zunächst begleiten wir Frieke durch ihren Alltag, lernen ihre Familie und die Spannungen zu Hause sehr genau kennen. Diese intensive Fokussierung auf das familiäre Gefüge hat bei mir früh die Sorge ausgelöst, dass die angekündigte Zeitreise eher ein erzählerisches Beiwerk bleiben könnte. Genau dieses Gefühl hat sich im weiteren Verlauf bestätigt. Das fantastische Element, das laut Beschreibung eine tragende Rolle spielen sollte, bleibt deutlich hinter der Gegenwartshandlung zurück. Stattdessen dominiert die Gegenwart mit langen Passagen, die vieles erklären, ausdehnen und mehrfach absichern. Die historischen Abschnitte dagegen, die für mich das eigentliche Herzstück hätten sein können, bleiben vergleichsweise knapp und bleiben in ihrer Einordnung zurückhaltend.

Gerade beim Zeitreiseaspekt hätte ich mir mehr Konsequenz gewünscht. Die Regeln wirken nicht durchgängig klar definiert, Möglichkeiten verändern sich situativ, ohne dass ihre Logik ausreichend erklärt wird. Was einmal unmöglich scheint, funktioniert später doch. Diese Flexibilität mag erzählerisch praktisch sein, schwächt jedoch die innere Stringenz. Für ein Publikum ab etwa zehn Jahren halte ich das für eine verpasste Chance. Kinder in diesem Alter sind durchaus in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, wenn man sie ernst nimmt.

Auch die historische Ebene bleibt hinter ihrem Potenzial zurück. Die Gewichtung zwischen Gegenwart und Vergangenheit wirkt unausgewogen, zentrale Hintergründe werden eher angerissen als fundiert erläutert. Gerade bei einem Thema wie der Zeit vor dem Nationalsozialismus hätte ich mir mehr Kontext gewünscht, um Entwicklungen nachvollziehbar zu machen und Fragen nicht offen im Raum stehen zu lassen.

Hinzu kommt, dass mehrere inhaltliche Fäden nicht wirklich zusammengeführt werden. Ohne ins Detail zu gehen, weil es zentrale Wendungen vorwegnehmen würde, bleiben Fragen offen, die für das Gesamtverständnis relevant sind. Es entsteht der Eindruck, als seien bestimmte Aspekte gekürzt oder bewusst knappgehalten worden. Ob das eine redaktionelle Entscheidung war oder eine bewusste Schwerpunktsetzung von Maja Ilisch, lässt sich von außen nicht beurteilen - spürbar ist jedoch, dass erzählerisches Potenzial ungenutzt bleibt.

Auch die familiäre Entwicklung hätte für mich einen stärkeren emotionalen Bogen vertragen. Friekes Vater verliebt sich neu und sie muss diese Veränderung akzeptieren. Dieser Konflikt trägt viel Sprengkraft in sich, wird jedoch relativ nüchtern abgehandelt. Die Auseinandersetzung innerhalb der Familie bleibt oberflächlich, obwohl hier Raum für echte Reibung, für Unsicherheit, vielleicht sogar für Wachstum gewesen wäre.

Unterm Strich sehe ich „Die verborgenen Bilder“ als möglichen Einstieg in die Thematik für Kinder ab etwa zehn Jahren, die bislang wenig Berührungspunkte mit dieser Epoche hatten. Als erste Annäherung kann der Roman funktionieren, weil er Hemmschwellen abbaut und historische Ereignisse in eine persönliche Geschichte einbettet. Gleichzeitig bleiben viele Hintergründe unerklärt, Zusammenhänge werden vorausgesetzt, die aus Erwachsenensicht selbstverständlich erscheinen mögen, aus Kindersicht jedoch erklärungsbedürftig sind. Zurück bleibt bei mir weniger das Gefühl einer geschlossenen Erzählung als vielmehr eine Reihe offener Gedanken - und die Frage, wie viel stärker dieses Buch hätte sein können, wenn es seinen eigenen Anspruch konsequenter verfolgt hätte.

©2026 Mademoiselle Cake

buchige Daten:

Titel: Die verborgenen Bilder
Text: Maja Ilisch
Verlag: Oetinger
Ersterscheinung: 2026
Genre: Kinderroman
Altersempfehlung: ab 10
Rezension vom: 02.03.26

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