Rezension: Karen Lorenz - Märchen der Völker
meine Meinung:
Dieses Buch verspricht eine Reise durch Erzähltraditionen aus aller Welt. Von Tibet über Norwegen, Rumänien und Belarus bis hin zu Nordamerika, Litauen, Tschechien, Indonesien, der Ukraine, Schweden, der Mongolei, Ägypten, dem ehemaligen Jugoslawien, Südamerika, Deutschland, Kasachstan, Finnland, Nepal, Lettland und Ungarn. Die Vielfalt klingt zunächst nach genau dem, was man sich von einer internationalen Märchensammlung erhofft: Einblicke in fremde Kulturen, andere Denkweisen, neue Bilder im Kopf.
Beim Lesen hat sich bei mir jedoch schnell Ernüchterung eingestellt. Ich habe darauf gewartet, dass mich eine Geschichte wirklich packt, dass etwas hängen bleibt, doch die Geschichten bleiben flach, sie entwickeln weder prägnante Figuren noch Motive, die im Gedächtnis haften. Zwar sind viele Texte sprachlich zugänglich, doch sie rauschen eher vorbei, als dass sie nachwirken. Andere wiederum enthalten Szenen, die ich als unangenehm oder überraschend hart empfunden habe, gerade wenn man das Vorwort im Hinterkopf hat, das genau solche Elemente ausschließt.
Dort wird betont, dass nur Geschichten ausgewählt wurden, in denen moralische Klarheit herrscht, also Gute belohnt und Böse bestraft werden, ohne übermäßige Grausamkeit oder Gewalt. Genau dieser Anspruch wirkt im Nachhinein fast irritierend, weil einzelne Passagen durchaus eine andere Sprache sprechen. Diese Diskrepanz hat mein Vertrauen in die Auswahl ein Stück weit untergraben.
Hinzu kommt, dass die Sammlung zentrale Muster traditioneller Märchen zwar übernimmt, sie aber kaum reflektiert oder variiert. Die bekannten Strukturen - klare Gut-Böse-Zeichnung, einfache Handlungsführung, stereotype Rollen - bleiben erhalten, ohne erzählerisch neu belebt zu werden. Besonders auffällig sind überholte Rollenbilder: Männer handeln, Frauen werden gerettet oder verheiratet. Das wirkt nicht nur erwartbar, sondern auch ungebrochen reproduziert.
Damit verfehlt das Buch zwei mögliche Stärken zugleich: Es bietet weder ein intensives Leseerlebnis noch eine überzeugende kulturvergleichende Perspektive. Als Vorlesebuch eignet es sich kaum, da sowohl emotionale Bindung als auch inhaltliche Konsistenz fehlen. Denkbar ist ein Einsatz im schulischen Kontext, etwa als Materialsammlung. Als Buch, zu dem man wiederholt zurückkehrt, überzeugt es jedoch nicht.
©2026 Mademoiselle Cake
buchige Daten:
Titel: Märchen der Völker
Text: Karen Lorenz
Illustrationen: Claudia Voigt
Verlag: Saale-Verlag Jena
Ersterscheinung: 1990
Genre: Märchen
Altersempfehlung: ab 6
Rezension vom: 15.04.26

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