Rezension: Manfred Theisen - Regenzeit

Klappentext:

Alem, ihre beiden Freundinnen Beset und Zehai und ihr Freund Mulu bereiten sich auf ein wichtiges Ereignis vor: Sie werden mit selbstgebauten Drahtautos in einem Rennen gegen Getas gegnerische Bande antreten!
Den Draht für die Autos haben sich die vier auf einem abenteuerlichen Ausflug ins Zentrum von Addis Abeba besorgt. Aber bevor das Rennen stattfinden kann, geschieht etwas, womit keiner gerechnet hat: Der Dauerregen hat den Hang der Hüttensiedlung ins Rutschen gebracht. Eine Hütte nach der anderen bricht zusammen, auch die von Alems Familie. Und was noch schlimmer ist: Nach der Unglücksnacht ist Zehai verschwunden ...

meine Meinung:

Der Einstieg in "Regenzeit" von Manfred Theisen fiel mir zunächst nicht leicht. Die ersten Seiten zogen sich für mich etwas und ich musste mich erst in die Handlung hineinfinden. Doch nach und nach wurde der Roman interessanter und irgendwann flogen die Seiten deutlich schneller vorbei.

Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch vor allem wegen des Untertitels "Eine Geschichte aus Addis Abeba". Ich wollte wissen, wie Manfred Theisen die Menschen, ihre Lebensbedingungen und die Umgebung darstellt. Meine Erwartungen an eine authentische Schilderung waren dabei recht hoch, denn bei meiner Recherche erfuhr ich, dass der Autor nicht nur nach Äthiopien gereist ist, sondern dort auch einen Entwicklungshilfe-Verein gegründet hat.

"Regenzeit" ist ein Kinderbuch, das sich an Lesende ab etwa 8 Jahren richtet. Die Handlung erleben wir aus der Sicht von Alem, einem Kind. Dadurch werden politische und gesellschaftliche Zusammenhänge verständlicherweise vereinfacht dargestellt. Themen wie Armut, Naturkatastrophen und soziale Unterschiede werden aus einer kindlichen Perspektive erzählt und bleiben teilweise auf einer eher überschaubaren Ebene.

Man sollte außerdem berücksichtigen, dass der Roman bereits 1997 erschienen ist. Addis Abeba hat sich seitdem stark verändert. Die Stadt ist gewachsen und auch soziale Probleme zeigen sich heute teilweise anders als damals. Der Roman vermittelt daher vor allem ein Bild der Zeit, in der er entstanden ist.

Gerade deshalb lohnt sich bei diesem Kinderroman auch ein kritischer Blick auf einzelne Stellen. Eine Passage ist mir besonders aufgefallen. Nach der Katastrophe heißt es auf Seite 71: "[...] eine erfreuliche Nachricht aus Deutschland: Die Weißen wollten Geld schicken, damit sie einen Hühnerstall bauen und sich Hühner kaufen konnten. So hätten die Frauen und ihre Familien immer genügend Fleisch.“

Diese Formulierung wirkt aus heutiger Sicht problematisch. Die pauschale Bezeichnung „die Weißen“ stellt Menschen über ihre Hautfarbe dar und vermittelt gleichzeitig das Bild, dass Hilfe vor allem von außen kommt. Deutschland erscheint als Ort, von dem die Lösung für die schwierige Situation ausgeht. Gerade bei Geschichten über Menschen im Globalen Süden ist es wichtig, darauf zu achten, ob die Betroffenen selbst als handelnde Personen gezeigt werden oder hauptsächlich als Empfänger von Unterstützung.

Gleichzeitig zeichnet Manfred Theisen nicht ausschließlich dieses Bild. Im Roman wird auch beschrieben, wie Menschen vor Ort zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. So unterstützen beispielsweise ehemalige Soldaten den Wiederaufbau. Die Bewohner*innen sind also nicht nur Opfer der Katastrophe, sondern finden auch eigene Wege, mit den Folgen umzugehen.

Interessant fand ich außerdem, wie deutlich die sozialen Unterschiede innerhalb der Stadt dargestellt werden. Bereits auf den ersten Seiten wird gezeigt, dass nicht alle Menschen in Addis Abeba unter denselben Bedingungen leben: „Er spielte immer mit den Kindern von der Asphaltstraße, weil die keine Lumpen trugen, sondern Hosen und Hemden ohne Löcher. Sie lebten in Häusern aus Stein und wollten nichts mit Alem und ihren Freunden zu tun haben.“

Solche Beobachtungen gehören für mich zu den stärksten Momenten des Buches. Der Autor vermittelt, dass eine Stadt nicht nur aus einem einzigen Lebensbild besteht, sondern verschiedene Welten nebeneinander existieren können.

Nicht alles hat für mich jedoch funktioniert. Besonders die Auflösung rund um Zehai, die bereits im Klappentext als verschwunden angekündigt wird, konnte mich nicht überzeugen. Einige Fragen bleiben offen und eine Handlung ihrerseits war schlicht unmöglich.

Gut gefallen hat mir dagegen, wie Manfred Theisen immer wieder Informationen über die Umgebung und das Leben der Menschen einfließen lässt, ohne daraus eine reine Sachgeschichte zu machen. "Regenzeit" von Manfred Theisen verbindet eine erfundene Handlung mit realen Lebensbedingungen und gibt jungen Lesenden einen Einblick in eine ihnen vermutlich fremde Welt.

Als Kinderroman eignet sich das Buch besonders dann, wenn Erwachsene bereit sind, die Geschichte gemeinsam mit Kindern zu begleiten. Einige Themen werden Fragen aufwerfen, über die man anschließend gut sprechen kann. Auch als mögliche Schullektüre kann ich mir "Regenzeit: Eine Geschichte aus Addis Abeba" vorstellen, gerade weil der Roman neben der Handlung auch Raum für Gespräche über Hilfsbereitschaft, soziale Unterschiede und die Darstellung anderer Lebenswelten bietet.

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buchige Daten:

Titel: Regenzeit
Untertitel: Eine Geschichte aus Addis Abeba
Text: Manfred Theisen
Verlag: Elefanten Press
Ersterscheinung: 1997
Genre: Kinderroman
Altersempfehlung: ab 8
Rezension vom: 08.07.26

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