Rezension: Henrick Clausing - Einzigartig: Leben mit Behinderung

Klappentext:

Elsie hat sich ihre eigene Gebärdensprache ausgedacht, denn das Sprechen fällt ihr schwer.
Zoe und Zara haben immer einen Sitzplatz dabei, weil ihre Mama im Rollstuhl sitzt.
Bjarne spielt gerne Fußball - trotz seiner Halbseitenlähmung.

Sie alle sind einzigartig.

Hier erzählen Kinder und Familien aus ihrem fröhlichen, herausfordernden und ganz normalen Leben mit Behinderung.
Wie funktioniert das technische Equipment, das hilft, den Alltag zu meistern?
Was ist Inklusion, was ist Teilhabe?
Und wo überall begegnen wir Behinderungen, wenn wir genau hinschauen?

Ein Buch, das Mut macht, Fragen zu stellen und für andere Blicke auf die Welt interessiert.

meine Meinung:

Ich dachte bisher immer, dass es in unserer Familie niemanden mit einer Behinderung gibt. Nach der Lektüre von "Einzigartig - Leben mit Behinderung: Fragen, Antworten, Alltagsgeschichten" von Henrick Clausing könnte man das Ganze ein wenig anders sehen.

Der Autor geht auf zahlreiche sichtbare und unsichtbare Behinderungen ein, darunter auch dauerhafte und zeitlich begrenzte Beeinträchtigungen. Das erweitert den eigenen Horizont und regt dazu an, die Vorstellung davon zu hinterfragen, was eine Behinderung eigentlich ausmacht.

Dass Henrick Clausing dabei auch von seiner eigenen Familie erzählt, ist ein Pluspunkt. Seine persönlichen Erfahrungen machen das Thema greifbar. Sie können jedoch nicht alle Perspektiven abdecken, denn Behinderung ist vielfältig. Selbst zwei Menschen mit derselben Behinderung können im Alltag vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen stehen.

Und genau dieser Blick fehlt mir hier.

Henrick Clausing kann nicht alles über sämtliche Behinderungen wissen. Das muss er auch gar nicht. Umso wichtiger wäre es gewesen, Sensitivity Reader*innen einzubeziehen, die den Text aus unterschiedlichen Perspektiven auf problematische Formulierungen und Darstellungen hätten prüfen können.

Dann wäre vielleicht nicht durchgerutscht, dass es mehrmals im Buch heißt, dass Eltern ihre behinderten Kinder ebenfalls lieben. Für mich stellt sich dabei die Frage, weshalb diese Selbstverständlichkeit wiederholt hervorgehoben wird. Die Liebe von Eltern zu ihren Kindern lässt sich weder an einer Behinderung festmachen noch für alle Familien pauschal voraussetzen.

Dann würde man an anderen Stellen nicht lesen, dass der Grad der Behinderung fälschlicherweise in Prozent angegeben wird. Tatsächlich ist der GdB keine Prozentzahl, sondern ein eigenständiger Bewertungsgrad. Nach deutschem Recht wird der Grad der Behinderung in Zehnergraden festgestellt und nicht in Prozent. Grundlage hierfür ist § 152 SGB IX.

Dann würde man auf Seite 59 vielleicht den Namen der gehörlosen Abgeordneten finden, statt sie lediglich über ihre Behinderung zu beschreiben.

Besonders schwierig finde ich in diesem Zusammenhang die Aussage: „Sicher ist das [Anmerkung von mir: Gebärdensprachdolmetschen] ein großer Aufwand, aber bestimmt auch sehr wertvoll für uns alle.“

Das wirkt so, als sei die Bereitstellung von Gebärdensprachdolmetschenden vor allem eine Belastung oder zusätzliche Mühe. Dabei ist das Gebärdensprachdolmetschen eine Voraussetzung dafür, dass gehörlose Menschen gleichberechtigt an Gesprächen, politischen Debatten oder Veranstaltungen teilnehmen können. Die Formulierung rückt in meinen Augen den Aufwand der hörenden Mehrheit in den Mittelpunkt, statt das Recht auf barrierefreie Kommunikation zu betonen.
Zudem stellt das „aber“ einen Gegensatz zwischen Aufwand und Nutzen her. Dadurch klingt es, als müsse der Aufwand durch einen allgemeinen Mehrwert gerechtfertigt werden.
Die Formulierung „für uns alle“ kann außerdem den Eindruck vermitteln, dass Gebärdensprachdolmetschen vor allem dann sinnvoll ist, wenn auch hörende Menschen davon profitieren. Für gehörlose Menschen ist es jedoch nicht bloß ein netter Zusatz, sondern kann die Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe sein.

Leider finden sich im Buch weitere ableistische Formulierungen. Auch sprachlich hätte ich mir mehr Vielfalt gewünscht, denn nichtbinäre Menschen werden nicht ausreichend mitgedacht. Gerade bei einem Kinderbuch, das über Behinderung aufklären und für einen respektvollen Umgang sensibilisieren möchte, finde ich das schade.

Da "Einzigartig - Leben mit Behinderung" für Kinder ab sieben Jahren empfohlen wird, bleiben viele Themen zwangsläufig oberflächlich. Auf Seite 18 heißt es beispielsweise: „Hier werden viele Behinderungen genannt, für die leider der Platz fehlt, um sie zu erklären. Wenn du dich dafür interessierst, kannst du sie mit einem Erwachsenen nachschlagen.“

Diesen Hinweis hätte ich mir bereits am Anfang gewünscht. Ein so knappes Kinderbuch kann unmöglich jede Behinderung in all ihren Facetten erklären. Das ist auch gar nicht der Anspruch, den ich an ein solches Werk habe. Ein Glossar mit kurzen Erklärungen und weiterführenden Informationen wäre jedoch eine sinnvolle Ergänzung gewesen.

Trotz meiner Kritik schafft es das Buch meiner Meinung nach teilweise, für Behinderung zu sensibilisieren und zum Nachdenken anzuregen. Es gibt schließlich noch sooo viel zu erzählen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass auch Behinderungen und körperliche Besonderheiten berücksichtigt werden, denen Kinder im Alltag begegnen können. Kleinwuchs ist ein Beispiel dafür.

Auch bei den Illustrationen fehlt mir die Vielfalt. Obwohl zahlreiche sichtbare Behinderungen thematisiert werden, unterscheiden sich die dargestellten Menschen für mein Empfinden kaum in ihren Körperformen. Ich hätte mir mehr unterschiedliche Körper, Erscheinungsbilder und damit eine vielfältigere Darstellung der Menschen gewünscht, um die das Buch eigentlich geht.

©2026 Mademoiselle Cake

buchige Daten:

Titel: Einzigartig
Untertitel: Leben mit Behinderung
Fragen, Antworten, Alltagsgeschichten
Text: Henrick Clausing
Illustrationen: Lena Hesse
Ersterscheinung: 2026
Genre: Kindersachbuch
Altersempfehlung: ab 7
Rezension vom: 28.10.26

Share this:

JOIN CONVERSATION

    Blogger Comment

0 commenti:

Kommentar veröffentlichen

Freundliche Kommentare sind immer gerne gesehen und werden zeitnah beantwortet.
Ich freue mich über einen regen Austausch.

Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du die Datenschutzbedingungen und erklärst dich damit einverstanden, dass deine Daten entsprechend der Datenschutzbestimmungen der DSGVO gespeichert und weiterverarbeitet werden (z.B. bei Verlosungen).