Rezension: Oliver Jaufmann - Brady weiß genau ... 1 Wut ist wie ein Vulkan

Klappentext:

Ein literarisches Bilderbuch über Wut, Druck und das Erlauben von Ventilen. Aus der Perspektive eines Kindes [sic!] das die Welt as [sic!] System begreift.

Brady weiß vieles.
Er weiß, dass Licht unheimlich schnell ist und
dass Dinosaurier niemals Socken trugen.
Aber eines weiß er ganz genau:
Ordnung ist das Wichtigste auf der Welt.
Doch was passiert, wenn die Schwerkraft einen schlechten Tag hat?
Wenn das interne System überhitzt?

Begleite Brady und seinen Dino durch den größten Supervulkan aller Zeiten und
entdecke, was hilft, wenn der Dampf raus muss.

Für Kinder, die es lieben, wenn alles in perfekter Ordnung ist. Und denen der eigene Vulkan manchmal keine Wahl lässt.

meine Meinung:

Ich hatte das Buch nun drei Monate liegen lassen. Anfangs war ich wirklich neugierig darauf, weil es ein wichtiges Thema anspricht. Letztendlich war ich jedoch ziemlich enttäuscht.

Wut gibt es in jedem Kinderzimmer - so auch bei uns.
Sie zeigt sich bei jedem Menschen anders - selbst innerhalb einer Familie.

Mein Kind hat oft Angst, die eigene Wut zu zeigen, oder lässt sie manchmal an sich selbst aus, indem es sich haut.

Wir haben schon oft darüber gesprochen, dass das kein guter Weg ist, um mit Wut umzugehen, und gemeinsam überlegt, wie sich dieses Gefühl anders herauslassen lässt. Bei uns funktioniert es beispielsweise sehr gut, in ein Kissen zu schreien.

Da mein Kind auch aus Büchern viel mitnimmt, suche ich gezielt nach Geschichten, die bestimmte Situationen aus unserem Familienalltag aufgreifen oder alternative Lösungswege zeigen. Zum einen möchte ich meinem Kind vermitteln, dass wir mit unseren Gefühlen und Verhaltensweisen nicht allein sind. Zum anderen können Bücher zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, mit schwierigen Situationen umzugehen.

„Brady weiß genau ... 1 Wut ist wie ein Vulkan“ von Oliver Jaufmann habe ich zunächst allein gelesen und angeschaut.

Bei den Illustrationen fiel mir leider sofort auf, dass sie KI-generiert sind. Es gibt einfach zu viele Details, die nicht zusammenpassen, und immer wieder stimmen die Proportionen nicht.

Der Autor schrieb in einer Leserunde dazu: "Die Illustrationen sind mit KI entstanden, mir war dabei wichtig, dass sie nicht zu glatt oder perfekt wirken. Sondern eher etwas spürbar machen."

Diesen Gedanken kann ich durchaus nachvollziehen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass menschliche Illustrator*innen die Gefühle und die Atmosphäre einer Geschichte ebenso - nein, besser! - einfangen können, ohne dass dabei die gestalterische Sorgfalt auf der Strecke bleibt.

Beim Betrachten der Bilder sind mir zahlreiche Unstimmigkeiten aufgefallen: Ein Dino, der auf die Nase fällt, kann nicht einfach nach hinten wegkippen. Die Stacheln an seinem Hals hören einmal dort auf, ein anderes Mal reichen sie bis zum Kopf. Die Puppe hat mal ein Lächeln auf den Lippen, mal nur einen geraden Strich. Ein leerer Joghurtbecher taucht auf einem Bild auf, ist davor und danach aber verschwunden. Auch das Kissen liegt mal links, mal rechts.

Es sind viele solcher Details, die sich ohne erkennbaren Grund verändern. Das mag für manche nebensächlich erscheinen, mir erschwert es jedoch, mich auf die Geschichte einzulassen. Ich möchte ein Kinderbuch schließlich immer wieder anschauen können, ohne bei jeder erneuten Betrachtung über neue Unstimmigkeiten zu stolpern.

Auch die Geschichte selbst gab mir einiges zu denken.

Brady wird wütend, weil sein Turm umgefallen ist - eine Situation, die in vielen Kinderzimmern nur allzu bekannt sein dürfte. Doch dann setzt er sich auf den Boden und scheint zu versuchen, seine Wut in sich hineinzufressen. Wenn ein Kind bereits mit fünf Jahren glaubt, seine Wut unterdrücken zu müssen, finde ich das sehr traurig.

Dass das Gefühl schließlich doch aus ihm herausbricht, ist gut dargestellt. Auch die Beschreibung dessen, wie es sich anfühlen könnte, wenn die Wut langsam wieder abebbt, fand ich gelungen.

Danach folgt eine sehr berührende Szene: Bradys Vater kommt ins Zimmer, setzt sich zu ihm und breitet die Arme aus. "Eine stumme Einladung. Keine Pflicht." Dieser Moment hat auch mein Mamaherz berührt. Denn genau das versuche ich meinem Kind zu vermitteln, wenn unser kleiner Vulkan ausbricht: Ich bin da, du darfst wütend sein, und wenn du Nähe brauchst, bekommst du sie. Du musst sie aber nicht annehmen, bevor du dazu bereit bist.

Beim Lesen habe ich mich außerdem gefragt, ob Brady als neurodivergente Figur angelegt ist. Ob er autistisch sein könnte, lässt sich für mich nicht eindeutig beantworten. Einige Situationen und seine am Ende angehängte "Forschungs-Akte" haben mich jedoch auf diesen Gedanken gebracht. Für den Verlauf der Geschichte ist das nicht entscheidend. Es könnte aber ein zusätzlicher Gesprächsanlass sein, um mit Kindern über unterschiedliche Wahrnehmungen und Verhaltensweisen zu sprechen.

Anschließend habe ich das Heft meiner achtjährigen Tochter gegeben. Sie schaute sich zunächst die Bilder an, wollte den Text danach aber nicht mehr lesen. Der Grund: Auch sie hatte sofort erkannt, dass die Illustrationen KI-generiert sind - ganz ohne, dass ich das vorher angesprochen hatte.

Sie mag solche Illustrationen nicht. Wir haben bereits ausführlich über dieses Thema gesprochen, denn sie zeichnet selbst und möchte ebenfalls nicht, dass andere ihre Werke einfach verwenden. Dass sie sich deshalb gegen das Weiterlesen entschied, hat mich nachdenklich gemacht. Für mich zeigt es, wie sehr die Gestaltung eines Buches darüber entscheiden kann, ob ein Kind sich überhaupt auf dessen Inhalt einlassen möchte.

Oliver Jaufmann gibt für "Brady weiß genau ... 1 Wut ist wie ein Vulkan" eine Altersempfehlung von fünf bis acht Jahren an. Diese Spanne finde ich für eine solche Geschichte recht weit gefasst, denn die sprachliche und emotionale Entwicklung unterscheidet sich in diesem Alter erheblich. Einige Wörter sind für jüngere Kinder schwer verständlich. Ein achtjähriges Kind kann mit entsprechenden Erklärungen oft schon anders umgehen als ein fünfjähriges. Doch wie erklärt man einem fünfjährigen Kind beispielsweise, was ein "System" ist?

Dabei möchte ich die Geschichte selbst gar nicht schlechtreden. Der Umgang des Vaters mit Bradys Wut ist einfühlsam dargestellt, und die Botschaft, dass Gefühle ihren Platz haben dürfen, ist wichtig. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Buch manchen Familien hilfreiche Gesprächsanlässe bietet.

Trotzdem kann ich „Brady weiß genau ... 1 Wut ist wie ein Vulkan“ in der vorliegenden Form nicht unterstützen. Dafür stören mich die KI-generierten Illustrationen und ihre zahlreichen Unstimmigkeiten zu sehr. Gerade bei einem Kinderbuch, das Gefühle verständlich vermitteln möchte, sollte für mich nicht nur die Botschaft stimmen, sondern auch die Gestaltung überzeugen.

©2026 Mademoiselle Cake

buchige Daten:

Titel: Wut ist wie ein Vulkan
Untertitel: Ein Bilder- und Vorlesebuch über Wut, Druck und Ventile
Reihe: Brady weiß genau ...
Band: 1
Text: Oliver Jaufmann
Illustrationen: Oliver Jaufmann (mit KI)
Verlag: Self-Publishing
Ersterscheinung: 2026
Genre: Bilderbuch
Altersempfehlung: ab 5
Rezension vom: 15.10.26

Reiheninformation:

2. Mutig ist, wer trotzdem geht
3. Auch ich gehöre dazu

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