📚 Jana stellt vor: Die Bastardin

 

Letzte Woche hat euch Jana eine "Utopie aus dem 19. Jahrhundert ĂŒber die Schaffung eines schwarzen Staates in den USA" vorgestellt. In Woche 74 unseres Projekts "vergessene SchĂ€tze" stellt sie euch erneut einen ihrer SchĂ€tze vor:
Zusammenfassung:

„Die Bastardin“ erzĂ€hlt die Geschichte einer jungen Frau, die als uneheliche Tochter eines Sohnes aus gutem Hause und einer Magd bei Mutter und Großmutter aufwĂ€chst. Von wiederkehrenden Krankheiten gezeichnet, besucht sie nur unregelmĂ€ĂŸig die Schule und verlĂ€sst schließlich, als ihre Mutter heiratet und ihren Bruder zur Welt bringt, das Haus ihrer Kindheit. Ihr Weg fĂŒhrt sie vom Land ins Paris der Vor- und Zwischenkriegszeit. Ihre MĂ€dchenjahre hindurch unterhĂ€lt sie Liebschaften mit Internatsgenossinnen und kann sich, den Verlockungen Paris‘ vollstĂ€ndig erlegen, nicht entscheiden zwischen ihrer Freundin, einem interessanten Mann und schließlich ihrem homosexuellen Gönner, den sie innig verehrt.



Janas Meinung:

Durch „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“ bin ich auf das bereits 1964 erschienene autobiografische Werk Violette Leducs (1904-1972) aufmerksam geworden. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir versehen, erwartet den Leser Großes. Schon wĂ€hrend der ersten Seiten lĂ€sst sich erahnen, warum de Beauvoirs Vorwort so verklausuliert, so umfassend geworden ist. Die Autorin Leduc schildert ihre Jugend grob chronologisch, verweist dabei aber immer wieder auf ihre frĂŒheren – ebenfalls autobiografischen ­­– Werke, was das Lesen ohne Vorkenntnis betrĂ€chtlich erschwert. Hinzu kommt, dass ihre Sprache sehr umschreibend ist, Wesentlichkeiten werden in HalbsĂ€tzen versteckt, sodass sich ihre Wichtigkeit nicht immer gleich erschließt. Wenn dann hunderte Seiten spĂ€ter auf eben jene Ereignisse Bezug genommen wird, lĂ€sst sich schlussfolgern, dass jene Schilderung wohl bedeutsam fĂŒr Leducs weiteres Leben gewesen sein muss.

Das Innenleben der Protagonistin ist gelinde gesagt schwierig. Starke GefĂŒhlsschwankungen, die sich ausdrĂŒcken in Beschreibungen wie „die Wimpern der Rinder deprimierten mich“, sind fĂŒr den geneigten Leser interessant. Das MitfĂŒhlen jedoch wĂŒrde einen Kraftakt bedeuten, den man nicht jedem Leser zumuten will. Trotz etlicher LĂ€ngen, trotz des starken Wunsches, die Autorin möchte doch jetzt einmal Klartext schreiben, fasziniert das Leben der Violette Leduc ungemein. Mit traumwandlerischer Sicherheit umgibt sie sich mit Personen, die mindestens genauso labil und wankelmĂŒtig erscheinen wie sie selbst. Sie wirft sich ihnen zu FĂŒĂŸen, bettelt, erniedrigt sich und andere, beleidigt, liebt. Die geschilderte GefĂŒhlspalette dieser ErzĂ€hlung geht ĂŒber das hinaus, was Autoren heutzutage einem Leser zumuten wĂŒrden. Als Leser bringt man nicht immer Wohlwollen, selten Mitleid fĂŒr die Protagonistin auf. Manchmal sympathisiert man mit den anderen Figuren. Violettes Freundin Hermine zum Beispiel, der, so scheint es am Ende, Violette einfach zu anstrengend, zu kompliziert geworden ist mit ihrer AnhĂ€nglichkeit, ihrer Wut und ihren suizidalen Tendenzen, die sie letztendlich stets als Erpressung benutzt. Neben all den Figuren, unter denen sich auch viele Personen der Zeitgeschichte wiederfinden, die die Autorin kennengelernt hat, spielt Paris die Rolle einer eigenen, bedeutsamen Figur. Es wandelt sich mit Violette, wird mal als traumhaft schön beschrieben, dann wieder als Stadt, die die Protagonistin schnell hinter sich lassen möchte. Es schwankt zwischen Exzess und Biederkeit, Überfluss und bitterer Armut. Es kommt der Verschwendungssucht der Protagonistin entgegen oder zeigt ihr in aller Deutlichkeit, was sie nicht haben kann. Frankreichfreunde werden besonders die vielen genannten Orte, die bekannten CafĂ©s und Straßen, Quartiers, Designer und nicht zuletzt die damaligen BerĂŒhmtheiten der Literaturszene begeistern.

„Die Bastardin“ ist beileibe kein Buch fĂŒr zwischendurch. Manchmal wird man es zur Seite legen, um ĂŒber die Protagonisten-Autorin seinen Kopf zu schĂŒtteln. Man wird erschreckt sein, wie Menschen sich gegenseitig ins UnglĂŒck stĂŒrzen können, obwohl es ihnen objektiv so gut gehen könnte. Man wird Leduc dafĂŒr bewundern, zu jener Zeit so offen ihre lesbische SexualitĂ€t beschrieben zu haben. Zum Schluss wird man sich dann vielleicht mit Violette Leduc versöhnen, weil man ihr zumindest eines nicht absprechen kann: eine interessante Frau zu sein.

©2014



Meinungen von anderen Lesern:





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