Rezension: Nicole Trope - Der Junge auf dem Foto

Klappentext:

Sie lauscht der verheißungsvollen Pause auf der anderen Seite der Leitung. Gänsehaut zieht ihren Arm hoch und ihr Herzschlag beschleunigt sich. "Sie haben wen gefunden?", fragt sie langsam und vorsichtig. "Daniel. Sie haben Daniel gefunden."

Megan wartet vor der Schule auf ihren sechsjährigen Sohn. Der Schulhof leert sich und Panik macht sich in ihr breit, als sie Daniel nirgendwo finden kann. Ihr geliebtes Kind ist spurlos verschwunden.

Sechs Jahre später

Nach Jahren voller Selbstvorwürfe und schlafloser Nächte bekommt Megan den Anruf, an den sie selbst kaum noch geglaubt hat: Ihr Sohn kommt endlich nach Hause. Aber Daniel hat sich verändert ...

Laut der Polizei wurde er von seinem Vater entführt. Nachdem dieser in einem Feuer ums Leben kam, konnte Daniel fliehen. Megan versucht herauszufinden, was während der Jahre passiert ist, aber Daniel will nicht reden.

Megan weiß, dass ihr Sohn viel durchgemacht hat. Doch da ist etwas, das Daniel ihr nicht erzählt. Ein Geheimnis, das ihre Familie zerstören könnte ...

meine Meinung:

„Der Junge auf dem Foto“ von Nicole Trope landete eher zufällig in meiner Onleihe-Auswahl. Der Klappentext versprach emotionale Tiefe und genau das war es, was mich zunächst hineingezogen hat. Die Idee einer Mutter, deren Kind verschwindet und deren Leben in diesem Moment auseinanderbricht, trägt von Beginn an eine schwere, beklemmende Wucht.

Die Ausgangssituation trifft ins Mark: Megan wartet nach der Schule auf ihren sechsjährigen Sohn - und er taucht nicht auf. Dieses plötzliche Nichts, das Nichtwissen, die völlige Orientierungslosigkeit bilden den emotionalen Kern der Geschichte. Der Gedanke, dass ein Elternteil das eigene Kind entführt, verschiebt alles. Vertrauen, Sicherheit, Identität. Diese Tragödie hat mich zu Beginn ehrlich gepackt.

Mit fortschreitender Handlung verlor die Geschichte für mich jedoch an Kraft. Der Plot entwickelte sich vorhersehbar, als würde er seine Richtung zu früh offenlegen. Wendungen, die Spannung erzeugen sollten, kamen nicht überraschend, sondern bestätigten lediglich Erwartungen. Dadurch ebbte die innere Anspannung zunehmend ab, und das Gefühl blieb, dem Geschehen immer einen Schritt voraus zu sein.

Was für mich wirklich getragen hat, war Megans innere Perspektive. Ihre Verzweiflung, das Schwanken zwischen Hoffnung und Aufgabe, ihr Ringen um Selbstkontrolle wirken glaubwürdig und emotional dicht. In diesen Momenten zeigt der Roman seine Stärke. Die psychologische Darstellung der Hauptfigur lässt Nähe zu und vermittelt, wie zerbrechlich ein Mensch wird, wenn ihm der wichtigste Halt genommen wird.

Abseits dieser Figurenzeichnung fehlte mir jedoch erzählerische Tiefe. Die Dynamik zwischen Mutter und Sohn wiederholt sich, Konflikte verlaufen in bekannten Bahnen, Überraschungen bleiben blass. Für einen Psychothriller ist mir das zu wenig Zuspitzung, zu wenig psychologische Konsequenz in der Handlung selbst.

Am Ende bleibt ein Buch, das emotional ansetzt und stellenweise berührt, dessen Geschichte aber nicht das einlöst, was ihr Thema verspricht. Stark in der Darstellung von Schmerz, schwach in der Entwicklung der Spannung. Mehr als solide, aber deutlich unter seinem Potenzial.

©2026 Mademoiselle Cake

buchige Daten:

Titel: Der Junge auf dem Foto
Text: Nicole Trope
Übersetzung: Gunnar Kwisinski
Stimme: Claudia Rohnefeld
Verlag: bookouture
Ersterscheinung: 2025
Genre: Drama
Medium: Hörbuch
Rezension vom: 29.01.26

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