Rezension: Felicitas Andresen - Die Frau mit den 3 Händen
Klappentext:
Jessica ist neun und lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter im Stuttgart der Nachkriegsjahre. Beide Eltern waren früher am Staatstheater, der Vater ist gestorben. Während die Mutter jetzt beim Rundfunk arbeitet, rettet sich Jessica in ihre eigene Welt mit imaginierten Geschwistern und Spielkameraden. Oft kann sie im Radiohaus dabei sein und Kinderrollen sprechen. Und ein Traum scheint sich zu erfüllen, als sie den Puck in Shakespeares Sommernachtstraum spielen soll. Wie das Kind es schafft, sich trotz Einsamkeit, Armut und Hunger zu behaupten, erzählt die Autorin in einem wunderbar leichten Tonfall. »Niemand soll es mehr erkennen, keiner beschimpfen - verkleidet sein ist wie verzaubert sein.«
meine Meinung:
Als ich „Die Frau mit den 3 Händen“ schließlich beendet hatte, war ich ehrlich überrascht von meinen eigenen Gefühlen. Zu Beginn wollte ich das Buch fast beiseitelegen. Nach mehreren Anläufen war ich kurz davor aufzugeben, wollte es dann aber doch noch ein letztes Mal versuchen - und genau da hat es mich plötzlich gepackt. Ab diesem Punkt konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen.
Der Einstieg fiel mir schwer, vor allem der Zugang zu Jessica, der neunjährigen Protagonistin. Die Ich-Perspektive aus Sicht eines Kindes verlangte mir einiges ab, und ich musste mich erst an den Ton und die Sprache der Geschichte gewöhnen. Jessicas Alltag in der Nachkriegszeit und ihre innere Welt wirkten auf mich zunächst überraschend distanziert, obwohl die Autorin viel Gefühl in leisen Zwischentönen transportiert. Jessica spielt mit imaginierten Geschwistern, lebt stark aus ihrer Fantasie heraus. Doch diese Tiefe erschloss sich mir nicht sofort.
Irgendwann jedoch änderte sich etwas. Plötzlich steckte ich mitten in Jessicas Welt, spürte ihre Unsicherheit, ihre Sehnsucht nach Nähe, ihre stille Hoffnung. Es war, als gäbe es kein Buch mehr zwischen uns, sondern als würde ich direkt neben ihr stehen, ihre Schritte begleiten und miterleben, wie sich ihr Leben langsam verändert. An diesem Punkt hat mich die Geschichte vollkommen eingenommen.
Mit dieser Nähe kam bei mir auch ein neuer Gedanke auf: Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass hier mehr mitschwingt als reine Fiktion. Die Art, wie Emotionen, Erinnerungen und Beobachtungen geschildert werden, wirkte auf mich so persönlich und präzise, dass ich mich fragte, ob es sich zumindest in Teilen um eine Autofiktion handeln könnte. Nicht als feststehende Behauptung, sondern als leises Gefühl, das beim Lesen entstand und die Geschichte für mich noch greifbarer machte.
Die Entwicklung dieser jungen Figur ist leise, aber intensiv. Trotz Armut, Einsamkeit und Hunger versucht Jessica, sich selbst treu zu bleiben - und genau das hat mich tief berührt. Sie ist authentisch gezeichnet, beschreibend und rührend, ohne je ins Sentimentale abzurutschen. Besonders gegen Ende tat sie mir immer mehr leid und gleichzeitig habe ich mit ihr gehofft. Als sich ihr Leben schließlich wendet, habe ich mich ehrlich für sie gefreut.
Und doch ist „Die Frau mit den 3 Händen“ kein Buch, das jede*r sofort lieben wird. Es ist keine leichte Lektüre, verlangt Geduld und Offenheit - belohnt einen aber genau dann mit einer intensiven Nähe zu seiner Figur.
Mich hat dieses Buch am Ende sehr bewegt. Nicht nur wegen der Geschichte selbst, sondern auch, weil es mir erneut gezeigt hat, wie unterschiedlich wir Literatur wahrnehmen und wie sehr ein Buch erst im Kopf der Lesenden lebendig wird. Die Nachkriegszeit, das Theaterleben, die Einsamkeit und die Fantasie eines Mädchens sind hier keine bloße Kulisse, sondern wurden während des Lesens zu einem Teil von mir.
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Zitate:
» « (S. )
buchige Daten:
Titel: Die Frau mit den 3 Händen
Text: Felicitas Andresen
Verlag: 8 grad
Ersterscheinung: 2024
Genre: Roman
Rezension vom: 02.02.26

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