Rezension: ✎ Susanne Siegert - Gedenken neu denken
Klappentext:
Erinnerungskultur, aber anders
Unsere Erinnerungskultur muss sich verändern. Wie und warum, legt Susanne Siegert in diesem Buch dar. Sie plädiert für eine pluralistische, neue Gedenkarbeit mit einem Schwerpunkt auf der Verantwortung der Nachfahren der Tätergeneration anstelle unserer »einstudierten« gemeinsamen Rückschau mit den Opfern. Es geht um weniger bekannte NS-Verbrechen, um weniger bekannte Orte, um bisher vernachlässigte Opfergruppen. Gleichzeitig zeigt dieses Buch, wie wichtig eine aktivere, vielfältigere Gedenkkultur ist, um künftige Generationen auch ohne direkte Zeitzeugenberichte zu erreichen.
meine Meinung:
Schon lange setze ich mich intensiv mit der NS-Zeit auseinander. Ich lese Erfahrungsberichte, Sachbücher und selten schaue ich auch mal Dokumentationen. Dieses Thema begleitet mich nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es mich nicht loslässt. Vielleicht auch, weil ich immer wieder merke, wie brüchig unser Umgang mit Erinnerung ist.
Dem Instagram-Projekt @keine.erinnerungskultur folge ich noch nicht lange, doch es ist schnell zu einer der wichtigsten Stimmen für mich geworden. Susanne Siegert verbindet dort persönliche Biografie mit einer klaren Kritik daran, wie Erinnerung in Deutschland häufig praktiziert wird. Sie fordert eine Erinnerungskultur, die aktiv, pluralistisch und verantwortlich ist, statt sich auf ritualisierte Gedenkformen zu verlassen oder nur symbolische Akte zu wiederholen. Ihr Anspruch ist unbequem: Erinnerung soll nicht beruhigen, sondern herausfordern.
Besonders deutlich wurde das für mich in ihrer Auseinandersetzung mit „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“. Als ich sah, wie sie diesen Film kritisch einordnet, musste ich an meine eigene Reaktion vor Jahren denken. Auch ich hatte das Buch gelesen und sofort gespürt, dass hier etwas nicht stimmt. Trotzdem habe ich damals keine kritische Rezension veröffentlicht. Die Angst vor Reaktionen, vor Missverständnissen, vor moralischer Empörung war größer. Siegerts Analyse hat mich rückblickend darin bestärkt, dass dieses Unbehagen berechtigt war. Manche Darstellungen der NS-Zeit vereinfachen, emotionalisieren falsch oder verschieben Perspektiven - und richten damit mehr Schaden an, als sie aufklären.
Im Buch springt die Autorin immer wieder zwischen persönlichen Erinnerungen und größeren historischen sowie gesellschaftlichen Zusammenhängen. Das hat mich stellenweise irritiert. Ich hatte ein stärker analytisches Sachbuch erwartet, eine distanziertere Sprache. Stattdessen ist der Ton häufig sehr nah, sehr ich-bezogen. Gleichzeitig wäre es zu einfach, genau das als Schwäche abzutun. Diese persönliche Direktheit senkt Hürden, macht das Thema zugänglich und zwingt Leser*innen, sich selbst zu positionieren. Mein Unbehagen speist sich weniger aus der Methode als aus der Spannung zwischen Erwartung und Umsetzung.
Überzeugend ist für mich, wie konsequent Siegert den Blick weitet: weg von etablierten Gedenkorten, hin zu vergessenen Schauplätzen, marginalisierten Opfergruppen und den Nachkommen der Täter*innen. Sie zeigt, wie selektiv Erinnerung funktioniert und wie bequem es ist, Verantwortung an abstrakte Systeme auszulagern. Nicht jede Begriffswahl hat mich dabei überzeugt, manche Formulierungen wirkten auf mich unnötig zugespitzt, doch der Kern ihrer Argumentation bleibt stark.
Ein Punkt hat mich jedoch nachhaltig gestört: die sprachliche Inkonsistenz beim Gendern. Einzelbegriffe wie „Täter:innen“ werden gegendert, zusammengesetzte Begriffe wie „Tätergesellschaft“ hingegen nicht. Das zieht sich durch das Buch und wirkt nachlässig. Gerade bei einem Werk, das Sprache als Machtinstrument ernst nimmt, fällt diese Unschärfe besonders ins Gewicht.
Ich wünsche mir, dass Lehrende, die sich ernsthaft mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, dieses Buch lesen und im Unterricht nutzen. Vor allem die kritische Einordnung populärer Filme und Bücher sollte weitergeführt werden. Solche Werke prägen Geschichtsbilder oft stärker als Schulbücher - und bleiben dennoch häufig unhinterfragt.
Ich werde die Arbeit von @keine.erinnerungskultur weiter aufmerksam verfolgen. Nicht, weil sie einfache Antworten liefert, sondern weil sie Fragen stellt, die unbequem sind. Und weil Erinnerung nur dann Sinn hat, wenn sie uns zwingt, genauer hinzusehen, statt uns moralisch zu entlasten.
©2026 Mademoiselle Cake
Zitate:
»Denn wer Gedenken ernst meint, muss auch hinhören, wenn es vermeintlich unbequem wird.« (57%)
buchige Daten:
Titel: Gedenken neu denken
Untertitel: Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss
Text: Susanne Siegert
Verlag: Piper
Ersterscheinung: 2025
Genre: Sachbuch
Rezension vom: 06.02.26

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