Rezension: Karin Alvtegen - Die Flüchtige
Klappentext:
Seit fast fünfzehn Jahren ist sie auf der Flucht. Vor ihren Eltern, vor sich selbst, sie ist eine von vielen Obdach losen in Stockholm. Sibylla Forsenström, Tochter aus gutem Hause, hat nur ein Ziel: in Ruhe leben. Doch dann wird einer ihrer Gönner ermordet, im noblen Grand Hôtel. Kurz darauf findet man noch eine Leiche. Die Spuren weisen auf Sibylla.
meine Meinung:
„Die Flüchtige“ von Karin Alvtegen ist - wie einige andere Bücher dieses Genres in meinem Regal - eher zufällig bei mir gelandet, nachdem eine Freundin aussortiert hat. Der Klappentext hat mich sofort gepackt, weil er genau diese düstere, psychologische Tiefe versprochen hat, die ich mir von solchen Geschichten erhoffe.
Die Handlung wird konsequent aus der Sicht von Sibylla erzählt, einer Frau, die sich bewusst außerhalb gesellschaftlicher Strukturen bewegt. Diese Perspektive sorgt für eine intensive Nähe: Man steckt permanent in ihrem Kopf, erlebt ihre Gedanken, ihre Rechtfertigungen und ihre Verletzlichkeit ungefiltert mit. Genau darin liegt aber auch die Schwäche. Die starke Fokussierung nimmt dem Geschehen jede Distanz und macht es schwierig, das Gesamtbild einzuordnen oder andere Blickwinkel zuzulassen.
Parallel dazu wird Sibyllas Vergangenheit aufgearbeitet. Dieser zweite Erzählstrang hat mich deutlich stärker berührt als die eigentliche Gegenwartshandlung. Vieles deutet sich früh an, Entwicklungen sind absehbar, aber gerade das verstärkt die Tragik. Man erkennt, worauf alles hinausläuft, und verfolgt trotzdem, wie unausweichlich sich alles zuspitzt. Inhaltlich bietet dieser Teil mehr Tiefe, auch wenn die Vorhersehbarkeit stellenweise spürbar bleibt.
Einige konstruktive Schwächen reißen allerdings aus der Geschichte. Besonders auffällig ist ein zentrales Detail rund um fehlende Überwachung in einem Hotel, das in der Realität kaum so stehen bleiben würde. Solche Ungereimtheiten untergraben die Glaubwürdigkeit unnötig.
Auch eine Figur, die wie ein rettender Gegenpol angelegt ist, überzeugt nicht vollständig. Sie erscheint sehr plötzlich und fügt sich nicht organisch ins Geschehen ein, sondern wirkt eher wie ein funktionales Element, das eine bestimmte Richtung erzwingen soll.
Zum Ende hin zieht das Tempo deutlich an, die Spannung verdichtet sich spürbar. Der Aufbau funktioniert - man will wissen, wie sich alles auflöst. Gerade deshalb hinterlässt der abrupte Schluss einen zwiespältigen Eindruck. Es fehlt Raum, um das Geschehene wirklich wirken zu lassen oder gedanklich abzuschließen.
Insgesamt schwankt das Buch für mich stark zwischen fesselnden Passagen und Abschnitten, die sich ziehen. Es gibt Szenen, die unter die Haut gehen, und andere, die mich gedanklich abschweifen lassen. Genau dieses Auf und Ab macht es schwer, ein klares Urteil zu fällen.
©2026 Mademoiselle Cake
buchige Daten:
Titel: Die Flüchtige
Text: Karin Alvtegen
Übersetzung: Hedwig M. Binder
Verlag: rororo
Ersterscheinung: 2001
Genre: Krimi
Rezension vom: 23.03.26

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