Rezension: Liz Moore - Der andere Arthur
Klappentext:
Arthur Opp, einst Literaturprofessor, wiegt mittlerweile 250 Kilo und hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht mehr verlassen. Die wenigen Schritte zur Haustür, um Lieferungen entgegenzunehmen, sind seine tägliche Herausforderung. Nur 30 Kilometer entfernt kämpft der siebzehnjährige Kel um seinen Schulabschluss und seine Chance auf ein besseres Leben: ein Sportstipendium. Doch während er um seine Zukunft ringt, hält ihn die Sorge um seine kranke Mutter in Atem. Arthur und Kel sind zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch etwas Entscheidendes teilen: ihre Einsamkeit. Als sich Kels Mutter, einst Arthurs Studentin, nach Jahren der Funkstille mit einem verzweifelten Hilferuf an ihn wendet, nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die alte Wunden aufreißt, aber auch neue Wege freilegt und eindrücklich zeigt, wie in der Fürsorge für andere die eigene Rettung liegen kann.
meine Meinung:
Erst vor Kurzem habe ich wieder gesehen, wie gnadenlos das Internet sein kann. Ein übergewichtiger Mensch wurde zur Zielscheibe eines regelrechten Shitstorms. Kommentare flogen nur so unter die Gürtellinie, manche gingen sogar so weit, ihm den Tod zu wünschen. In solchen Momenten frage ich mich immer wieder, wie schnell vergessen wird, dass hinter jedem Bildschirm ein echter Mensch sitzt. Einer mit Gefühlen. Einer, der all das liest.
Vielleicht hat mich genau deshalb Arthurs Geschichte so stark getroffen.
Während ich den Passagen über Arthur zugehört habe, hatte ich ständig das Bild dieses Menschen aus dem Internet vor Augen. Arthur ist stark übergewichtig und lebt seit Jahren völlig zurückgezogen in seinem Haus in Brooklyn - mitten in einer Stadt voller Menschen und doch unsichtbar für sie. Sein Leben scheint sich immer weiter zu verkleinern, bis kaum noch Kontakt zur Außenwelt bleibt.
Arthur habe ich sofort ins Herz geschlossen. Seine Scham, seine Unsicherheit und dieses vorsichtige Herantasten an die Welt haben mich wirklich berührt. Über der Geschichte liegt eine schwere, melancholische Stimmung. Themen wie extreme Adipositas und soziale Isolation ziehen sich durch den gesamten Roman.
Und trotzdem bleibt Arthur für mich erstaunlich schwer zu greifen. Emotional war ich ihm nah, erzählerisch blieb er jedoch oft auf Distanz.
Liz Moore hält sich mit detaillierten Beschreibungen auffallend zurück. Man bekommt eine Ahnung davon, wie Arthur lebt und wie still seine Wohnung geworden ist, doch vieles bleibt nur angedeutet. Ich hätte mir gewünscht, tiefer in diese Welt eintauchen zu können. Stattdessen hatte ich beim Hören häufig das Gefühl, nur an der Oberfläche entlangzugleiten.
Bei Kel war es für mich ganz anders.
Wenn ich das Buch gelesen und nicht gehört hätte, hätte ich seine Kapitel vermutlich sogar übersprungen. Er blieb für mich erstaunlich blass. Nicht unbedingt unsympathisch - eher seltsam leer. Seine Geschichte konnte mich emotional kaum erreichen. Während ich bei Arthur ständig mitgefühlt habe, ließ mich Kel merkwürdig kalt, obwohl sich auch sein Leben um schwierige Themen wie Alkoholismus und Isolation dreht.
Der Roman selbst ist sehr ruhig erzählt und konzentriert sich stark auf Beobachtungen und das Innenleben der Figuren. Große dramatische Wendungen sucht man hier vergeblich. Diese Art zu erzählen kann durchaus reizvoll sein, doch für mich hatte sie einen entscheidenden Nachteil: Am Ende bleiben unglaublich viele Fragen offen.
Ich verstehe den Gedanken dahinter. Vermutlich sollen Lesende selbst weiterdenken und die Lücken füllen. Für mich fühlte es sich jedoch eher wie ein halbfertiges Puzzle an. Da war so viel Potenzial, so viele emotionale Fäden - und ich hätte einfach gerne mehr darüber erfahren.
Genau hier liegt für mich das größte Problem des Romans.
Liz Moore greift wichtige Themen auf: gesellschaftliche Ausgrenzung, Einsamkeit und Menschen, deren Leben nicht spektakulär zerbrechen, sondern langsam und leise entgleiten. Doch trotz dieser starken Ansätze bleibt vieles seltsam flach.
Beim Hören habe ich immer wieder darauf gewartet, dass die Geschichte sich traut, noch näher an ihre Figuren heranzurücken. Stattdessen blieb sie für mich immer ein Stück zu weit entfernt.
Und vielleicht beschreibt genau das mein Gefühl nach diesem Buch am besten:
Ich hatte mehr erwartet. Mehr Tiefe. Mehr Mut, wirklich dorthin zu schauen, wo es weh tut.
©2026 Mademoiselle Cake
buchige Daten:
Titel: Der andere Arthur
Text: Liz Moore
Übersetzung: Cornelius Hartz
Stimmen: Uve Teschner & Timmo Niesner
Verlag: DAV
Ersterscheinung: 2026
Genre: Roman
Rezension vom: 09.03.26

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