Rezension: Anja Reumschüssel - Über den Dächern von Jerusalem
Klappentext:
1947/48
Die 15-jährige Jüdin Tessa kommt als Halbwaise nach Jerusalem und begegnet dort Mo, einem arabischen Jungen, der seinen Vater bei einem Terroranschlag verloren hat. Zwischen den beiden entsteht eine zaghafte Freundschaft, doch in den Wirren der Staatsgründung verlieren sie sich aus den Augen.
Vier unterschiedliche Perspektiven auf Israel, vier verschiedene und doch untrennbar miteinander verwobene Schicksale.
2023
Anat hat gerade ihren Wehrdienst angetreten und trifft nach einer Übung im Westjordanland auf den jungen Palästinenser Karim. Anfangs sind beide wie gelähmt vor Angst. Doch dann beginnen sie miteinander zu sprechen und stellen fest, dass sie mehr verbindet, als sie gedacht hätten.
meine Meinung:
Ich habe lange gezögert, bevor ich „Über den Dächern von Jerusalem“ überhaupt aufgeschlagen habe. Nicht aus Desinteresse, sondern weil mir klar war, welches Gewicht dieses Thema mitbringt. Der Nahostkonflikt ist kein Thema, welches man nebenbei konsumiert. Er verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten.
Der Einstieg erfolgt abrupt. Man befindet sich sofort im Geschehen, zunächst in der Gegenwart bei Karim und Anat, anschließend in einer anderen Zeitebene mit Tessa und Mo. Meine anfängliche Befürchtung, dauerhaft zwischen vier Perspektiven wechseln zu müssen, löst sich schnell auf. Stattdessen entscheidet sich Anja Reumschüssel für eine klarere Linie: Erst entfaltet sich die Vergangenheit, danach folgt die Gegenwart. Vieles lässt sich erst durch dieses Fundament wirklich einordnen.
Beide Zeitebenen tragen die Erzählung, jede setzt eigene Akzente. Besonders die historische Ebene rund um die Staatsgründung Israels hat bei mir Wissenslücken geschlossen, ohne belehrend zu wirken. Die wechselnden Perspektiven israelischer und palästinensischer Figuren schaffen ein vielschichtiges Bild, das Nähe erzeugt, wo zuvor Distanz war.
Gleichzeitig zeigt der Roman Schwächen in der Verdichtung. Wiederholungen in Gedanken und Szenen verlangsamen den Verlauf spürbar. Eine stärkere Straffung hätte die Wirkung verdichtet, ohne Inhalte zu verlieren.
Problematischer wird es für mich bei der inhaltlichen Gewichtung. schreibt die Autorin: „Auch wenn ich versucht habe, beiden Seiten zuzuhören, fällt es mir nicht leicht, beide Seiten gleichermaßen als Opfer und Täter zu sehen.“ (S. 327) Genau hier entsteht eine Spannung zwischen Anspruch und Umsetzung. Ein Roman, der sich als historisch fundiert und zugleich gegenwartsbezogen versteht, trägt Verantwortung in seiner Darstellung. Wenn diese Balance nicht gelingt, entsteht schnell ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung.
Ich hatte stellenweise das Gefühl, dass diese Differenziertheit nicht konsequent durchgehalten wird. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass Lesende bestimmte Schlussfolgerungen übernehmen, ohne die gesamte Komplexität zu erfassen. Gerade bei einem Thema wie diesem ist das nicht unproblematisch, weil Narrative schnell politisch aufgeladen sind und Interpretationen weitreichende Konsequenzen haben können.
Unstrittig bleibt die sorgfältige Recherche. Die Autorin bringt einen journalistischen Hintergrund mit, hat in Israel gelebt und vor Ort gearbeitet. Diese Hintergrundarbeit ist in den Beschreibungen und historischen Bezügen deutlich spürbar und verleiht dem Text Authentizität.
Am Ende bleibt ein ambivalenter Eindruck. Der Roman öffnet Zugänge zu einem schwierigen historischen Kontext und macht Zusammenhänge greifbar. Gleichzeitig hinterlässt er Fragen zur Gewichtung und zur erzählerischen Balance.
©2026 Mademoiselle Cake
Zitate:
» « (S. )
buchige Daten:
Titel: Über den Dächern von Jerusalem
Text: Anja Reumschüssel
Verlag: Carlsen
Ersterscheinung: 2023
Genre: Jugendroman
Altersempfehlung: ab 14
Rezension vom: 20.04.26

0 commenti:
Kommentar veröffentlichen
Freundliche Kommentare sind immer gerne gesehen und werden zeitnah beantwortet.
Ich freue mich über einen regen Austausch.
Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du die Datenschutzbedingungen und erklärst dich damit einverstanden, dass deine Daten entsprechend der Datenschutzbestimmungen der DSGVO gespeichert und weiterverarbeitet werden (z.B. bei Verlosungen).