­čôÜ Jana stellt vor: Eine pers├Ânliche Erfahrung

 

Letzte Woche hat euch Jana einen "autobiographischen Roman aus dem Umfeld von Simone de Beauvoir" vorgestellt. In Woche 75 unseres Projekts "vergessene Sch├Ątze" stellt sie euch erneut einen ihrer Sch├Ątze vor:
Klappentext:

Mit der Geburt seines ersten Sohnes ver├Ąndert sich f├╝r den Lehrer Bird schlagartig das Leben: Das Baby leidet an einer Gehirnhernie, und der junge Vater sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob lebenserhaltende Ma├čnahmen eingeleitet werden sollen. Wer soll diese Entscheidung ├╝ber Leben und Tod f├Ąllen? 'Eine pers├Ânliche Erfahrung' erz├Ąhlt das Schicksal von Kenzaburo Oes Sohn, ├╝ber dessen Leben der Autor zu entscheiden hatte. Heute ist Oes Sohn ein erfolgreicher Komponist und Musiker.



Janas Meinung:

Der 27-j├Ąhrige Bird wird Vater. W├Ąhrend seine Frau in den Wehen liegt, res├╝miert er dar├╝ber, dass er sich noch nicht dazu bereit f├╝hlt; der Spitzname, der ihm aus Jugendtagen geblieben ist, deutet darauf hin. Er wird ins Krankenhaus gerufen, die ├ärzte teilen ihm mit, sein Kind sei mit einer Gehirnhernie zur Welt gekommen – sein Gehirn quelle aus einem Loch in seiner Sch├Ądeldecke hervor. Und tats├Ąchlich sieht Bird das Baby mit einer so gro├čen Beule am Kopf, „dass man meinen k├Ânnte, es h├Ątte zwei K├Âpfe“. Die ├ärzte r├Ąumen dem Kind geringe ├ťberlebenschancen ein, ├╝berhaupt sei es, sollte es denn ├╝berleben, nur zu einer „pflanzenhaften Existenz“ f├Ąhig. Bird nimmt diese Einsch├Ątzung r├╝ckhaltlos an, er l├Ąsst das Kind in eine Spezialklinik bringen, hat das Gef├╝hl, von den ├ärzten und schwangeren Frauen auf den Fluren ob seines entstellten Kindes gedem├╝tigt zu werden. Im Einvernehmen mit der Schwiegermutter beschlie├čt er, das Kind „verschwinden“ zu lassen, noch bevor es seine Frau zu Gesicht bekommt. Er weist an, es mit Zuckerwasser statt Milch zu f├╝ttern, dass es schlie├člich eines Schw├Ąchetodes st├╝rbe. Das sei „f├╝r alle Beteiligten das Beste“. Die ungewissen Stunden bis zum Tod des Kindes verbringt er bei seiner Freundin Himiko, die schnell seine Geliebte und Komplizin wird. Doch die Entscheidungen ├╝ber Leben und Tod, die er trifft, lasten schwer auf ihm.

Der Literaturnobelpreistr├Ąger Kenzaburo Oe (1994 f├╝r „Der stumme Schrei“/“Die Br├╝der Nedokoro“) schildert hier tats├Ąchlich anhand pers├Ânlicher Erfahrungen die Gef├╝hlswelt Birds nach der Geburt seines Kindes. Sein eigener erwachsener Sohn leidet auch an einer Gehirnhernie und bedarf rund um die Uhr der Pflege seiner Eltern.

Der Protagonist Bird entschlie├čt sich schnell, das Kind nicht anzunehmen. Er identifiziert sich nicht mit ihm, nimmt es nicht als sein Kind an, leugnet gar jede ├ähnlichkeit mit ihm. Er erkennt den Jungen als etwas Fremdes, Feindliches, das in seine bis dahin unbeschwerte Welt eindringt und seinen gro├čen Traum von einer geplanten Afrika-Reise zunichte macht. Bird erscheint dabei nicht als vorausschauender Planer, dem das Kind einen Strich durch sein geordnetes Leben macht. Vielmehr ist Bird ein chaotischer Charakter, der den Teenager-Jahren noch nicht richtig entwachsen scheint. Er betrank sich einen Monat hindurch, brach sein Studium ab und begreift diese Episode als etwas im Hintergrund Lauerndes, das er nicht begreift, vor dem er sich aber f├╝rchtet. Dabei ist er von Freunden und Bewunderern umgeben, kein Einzelg├Ąnger, wenn auch etwas verschroben.

Bird ist durch und durch Egoist, was er bis zum Schluss bleibt und kaum reflektiert. Er hadert mit seinem „Monster-Baby“, denkt aber immer mehr ├╝ber den Mord nach, den er bei den ├ärzten in Auftrag gegeben hat und beschlie├čt, teils aus Misstrauen, teils aus einem merkw├╝rdigen Verantwortungsgef├╝hl heraus, das Kind zu sich zu holen und sich selbst um seinen Tod zu k├╝mmern.

Selten in diesem Buch, das nur einige wenige intensiv durchlebte Tage umfasst, geht es um Schuld. Und doch geht es um nichts anderes, denn sie schwingt unterschwellig mit, bei jedem Satz. Es gibt keine ├ächtung der Vorstellung, ein behindertes Kind aus egoistischen Motiven zu t├Âten. Dieses Verhalten wird nicht ein einziges Mal reflektiert. Birds Betrug an seiner Frau, die noch im Wochenbett liegt, w├Ąhrend er in die Arme einer anderen flieht, wird nicht ein einziges Mal thematisiert. Sein Egoismus ist neben der Zerrissenheit wegen seines Mordplans das nie explizit dargebotene Hauptthema dieses Werkes von Oe. Nie wird die moralische Frage gestellt, ob die Eltern – ja gar der Vater allein gegen den Willen der Mutter – ├╝ber den Tod eines behinderten Kindes entscheiden d├╝rfen. Denn in diesem Werk Oes geht es vordergr├╝ndig nicht um Moral, sondern um die pers├Ânliche Entwicklung des Protagonisten, seine gelebte Selbstliebe. Wer das aush├Ąlt, entdeckt hier ein Tabuthema in originellen Sprachbildern – einen streitbaren Schatz.

©2015



Meinungen von anderen Lesern:





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