Rezension: Astrid Lindgren - Lustiges Bullerbü

Klappentext:

Nirgendwo ist es so schön wie in Bullerbü! Besonders im Frühling, wenn die Anemonen und die Leberblümchen blühen und die kleinen Lämmchen geboren werden. Für Lisa, Bosse, Lasse, Inga, Britta, Ole und die kleine Kerstin, die Kinder aus Bullerbü, steckt jeder Tag voller Frühlingsüberraschungen!

meine Meinung:

Ich bin spät bei Astrid Lindgren gelandet. Erst im letzten Jahr habe ich mit „Ronja Räubertochter“ mein erstes Buch von ihr gelesen, zwei weitere warten noch ungelesen. Vorgelesen wurde mir Lindgren als Kind nicht, eine emotionale Bindung aus dieser Zeit existiert also nicht. Was geblieben ist, sind die Pippi-Langstrumpf-Filme, die ich mochte und heute deutlich kritischer betrachte. Vielleicht lese ich ihre Bücher gerade deshalb ohne nostalgischen Filter.

„Lustiges Bullerbü“ entwirft das Bild einer Kindheit, die heute fast wie ein Gegenentwurf wirkt. Kinder sind viel draußen, bewegen sich frei, streifen ohne Erwachsene durch ihr Dorf, getragen von einer Gemeinschaft und einer Natur, die keinen Spielplatz braucht. Darin erkenne ich Teile meiner eigenen Kindheit wieder. Auch wir waren ständig unterwegs, allein im Dorf, im Ried, beschäftigt mit uns selbst. Vergleiche ich das mit der Lebensrealität meiner achtjährigen Tochter, entsteht ein deutlicher Bruch. Wir leben zwar in einer grünen Kleinstadt, doch allein losziehen lassen würde ich sie nicht. Zu viele Risiken, zu viele Unwägbarkeiten. Wiesen gibt es, aber sie sind oft vermint mit Hundehaufen. Einen Wald auch, doch der taugt eher als Mückenbiotop denn als Abenteuerschauplatz. Bullerbü fühlt sich dadurch wie eine ferne Welt an.

Genau an diesem Punkt setzt berechtigte Kritik an. Die in Bullerbü gezeigte Kindheit ist idealisiert und kaum auf heutige Lebensrealitäten übertragbar. Das Buch bildet keine Gegenwart ab, sondern einen Zustand, der längst vergangen ist. Gleichzeitig liegt darin seine Stärke. Lindgren zeigt, was möglich war und was vielleicht immer noch möglich wäre, wenn Kinder mehr Freiräume hätten. Sie schreibt über Freundschaft, Zusammenhalt, kleine Mutproben und die Schönheit der Natur, ohne sie kitschig zu überhöhen, sondern mit einem ruhigen, klaren Blick.

Dabei blendet sie Verantwortung nicht aus. Tiere sind keine Spielzeuge, sie bedeuten Arbeit. Freiheit existiert nicht ohne Konsequenzen. Die Mutproben der Kinder sind nicht immer harmlos, manches wirkt aus heutiger Sicht sogar riskant. Das fordert Einordnung und Gespräche. Gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass auch meine eigene Kindheit voller Dinge war, die heute vermutlich Stirnrunzeln auslösen würden. Der Unterschied liegt weniger im Verhalten der Kinder als im gesellschaftlichen Rahmen, der sich verändert hat.

Die Illustrationen von Ilon Wikland unterstützen diesen Eindruck. Die Kinder sind klar gezeichnet, während der Hintergrund oft verschwimmt. Die Welt tritt zurück, die Figuren rücken in den Fokus. Das verstärkt die kindliche Perspektive und lenkt den Blick konsequent auf das Erleben, nicht auf die Kulisse.

Erzählt wird die Geschichte aus Lisas Sicht - und das spürt man. Der Ton ist kindlich, die Sprache einfach, manchmal mit diesen typischen Aufzählungen, bei denen ein „und“ das nächste jagt. Das wirkt nicht unbeholfen, sondern ehrlich. Es klingt nach einem Kind, das erzählt, wie es denkt und fühlt, ohne literarischen Filter.

Für uns ist „Lustiges Bullerbü“ eine warmherzige, emotionale Geschichte, die gerade durch ihre zeitliche Distanz zum Nachdenken anregt. Sie weckt Sehnsucht, provoziert aber auch Diskussionen darüber, wie Kindheit heute aussieht und aussehen darf. Ob uns „Michel aus Lönneberga“ ähnlich berühren wird, wird sich zeigen.

Auf meinem Instagramprofil gibt es einen kleinen Einblick ins Buch.

©2026 Mademoiselle Cake

buchige Daten:

Titel: Lustiges Bullerbü
Text: Astrid Lindgren
Übersetzung: Silke von Hacht
Illustrationen: Ilon Wikland
Verlag: Oetinger
Ersterscheinung: 1965
Genre: Bilderbuch
Altersempfehlung: ab 4
Medium: Hardcover
Rezension vom: 20.01.26

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