Rezension: Saskia Niechzial - Herz zählt
Klappentext:
Das Kind will nicht zur Schule gehen - »Die Lehrerin ist schuld«. Ein anderes kann immer noch nicht lesen - »Kein Wunder bei solchen Eltern«. Anstatt an einem Strang zu ziehen, verlieren Eltern und Lehrkräfte wertvolle Energie im täglichen Gegeneinander. Saskia Niechzial, eine der wichtigsten Stimmen zum Thema Schule, zeigt, wie das Gegeneinander zwischen Lehrkräften und Eltern Schule ausbremst und wie ein neues Miteinander gelingen kann. Als Bildungsaktivistin, Lehrerin und Mutter kennt sie die Perspektive beider Seiten und ist überzeugt davon, dass es ganz besonders die Beziehungen sind, die unser Schulsystem maßgeblich prägen und am Ende vielleicht auch retten können.
Ihr neues Buch ist das einzige Buch, das sowohl die Seite der Eltern als auch die der Lehrkräfte beleuchtet. Es beschreibt die Chancen, die eine neue Zusammenarbeit für die Kinder bietet und auch für Eltern und Lehrkräfte die Schulzeit angenehmer macht. Praxisorientiert, engagiert und empathisch weist Niechzial Eltern und Lehrkräften konkrete Wege, um Differenzen zu überwinden: O-Töne, die auf beiden Seiten Aha-Erlebnisse auslösen, schaffen dabei gegenseitiges Verständnis, Kommunikationstipps und -stellschrauben erleichtern Krisengespräche. Brücken bauen statt Mauern - ein Hörbuch voller konkreter Impulse, die Schule jeden Tag ein bisschen besser machen.
meine Meinung:
Seitdem ich mein Kind in fremde Hände gegeben habe, bemühe ich mich darum, immer beide Seiten zu sehen - zuerst die der Pädagog*innen im Kindergarten, später die der Lehrkräfte und natürlich auch meine beziehungsweise unsere als Eltern.
Da ich mich früher sehr für den Lehrberuf interessiert habe, bin ich in diesem Bereich vielleicht etwas tiefer drin als manch anderer. Aber eigentlich sollte es gar nicht nötig sein, sich besonders für Pädagogik zu interessieren, um sich in Lehrkräfte hineinversetzen zu können. Viele von uns gehen einer Arbeit nach - und vermutlich möchte niemand von uns, dass andere Menschen, die unseren Arbeitsalltag und unsere Rahmenbedingungen gar nicht kennen, uns ständig erklären, wie wir unseren Job zu machen haben.
Doch genau das passiert im schulischen Kontext erstaunlich häufig.
Vier Jahre als Elternsprecherin - zwei im Kindergarten, zwei in der Grundschule - haben mich so manches Mal am Verstand einzelner Eltern zweifeln lassen. Was manche Eltern von Pädagog*innen und Lehrkräften erwarten oder fordern, lag lange außerhalb meiner Vorstellungskraft.
Genau das war auch ein Grund dafür, weshalb ich irgendwann den Posten als Elternvertreterin abgegeben habe. Ich konnte und wollte viele dieser Forderungen nicht mehr mittragen. Besonders leid tat mir das für unsere Klassenlehrerin, weil sie wirklich engagiert ist und sich sehr bemüht. Mit Beobachtungen oder Kritik kann man zu ihr kommen, darüber lässt sich immer irgendwie sprechen. Aber zwischen konstruktiver Rückmeldung und einer völlig unrealistischen Forderung liegt eben ein Unterschied.
Das Absurdeste, was ich einmal von einem Elternteil gehört habe, war ungefähr: „Ich werde demnächst mit Frau XY sprechen, denn es kann ja nicht sein, dass unsere Klasse Sport am gleichen Tag hat wie mein Kind nachmittags sein Sporttraining.“ Da bin ich kurz vom Glauben abgefallen. Und nein, es war tatsächlich kein Scherz.
Doch auch Lehrkräfte sind nicht frei von Fehlern. Sie sind schließlich Menschen und keine Maschinen. Manchmal hätte ich mir von ihnen mehr Ehrlichkeit oder mehr Standhaftigkeit gewünscht. Trotzdem konnte ich für diese Seite meist Verständnis aufbringen. Gerade weil ich selbst neurodivergent bin, weiß ich, wie viele Ängste und Gedanken einen manchmal davon abhalten können, etwas anzusprechen oder sich klar zu positionieren.
Bei Eltern fällt mir das deutlich schwerer - obwohl ich selbst zu dieser Gruppe gehöre.
Genau deshalb hat mich „Herz zählt - Wie Eltern und Lehrkräfte Schule gemeinsam besser machen“ von Saskia Niechzial angesprochen. Denn das Buch stellt nicht eine Seite gegen die andere. Es geht darum, was beide brauchen, damit Zusammenarbeit überhaupt funktionieren kann - und was passiert, wenn Gespräche schwierig werden oder die Verbindung zwischen Elternhaus und Schule ins Wanken gerät.
Niechzial nähert sich dem Thema in drei großen Teilen: Zunächst geht es darum, was gelingende Zusammenarbeit überhaupt ausmacht. Danach stehen gute Gespräche und Kommunikation im Mittelpunkt, bevor sie sich der Frage widmet, wie Eltern und Lehrkräfte auch dann miteinander in Verbindung bleiben können, wenn es besonders anspruchsvoll wird. Gerade diesen Aufbau fand ich passend, denn im Schulalltag beginnt ein Konflikt schließlich selten dort, wo er später sichtbar wird.
Direkt zu Anfang ihres Buches, auf Seite 35, erwähnt die Autorin Jesper Juul - einen Mann, der mir durch seine Bücher seit meiner eigenen Anfangszeit als Mama so manches Mal die Augen geöffnet hat. Schon deshalb hatte sie bei mir einen kleinen Bonus.
Mit Saskia Niechzial habe ich mich übrigens nicht erst durch „Herz zählt“ beschäftigt. Bereits 2024 habe ich ihren Ratgeber „Ein Kopf voll Gold - Was neurodivergente Kinder brauchen und wie wir sie stärken können“ als Hörbuch gehört. Auch damals hat mich ihre Art angesprochen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und dabei nicht bei einfachen Antworten stehenzubleiben.
Was mir an „Herz zählt“ besonders gefällt: Saskia Niechzial betrachtet nicht nur die offensichtlichen Rollen von Eltern und Lehrkräften, sondern nimmt auch unterschiedliche Lebensrealitäten in den Blick. Ich glaube, dass solche Unterschiede im Schulalltag schnell aus dem Blick geraten können. Nicht unbedingt, weil Lehrkräfte kein Interesse daran haben, sondern weil eine Lerngruppe neu zusammengesetzt ist, viele Kinder zusammenkommen und über manche Lebenssituationen schlicht wenig gesprochen wird.
Und genau da wird Zusammenarbeit schwierig: wenn Menschen voneinander Erwartungen haben, aber zu wenig voneinander wissen. Wenn Eltern nur das eigene Kind sehen und Lehrkräfte gleichzeitig eine ganze Klasse im Blick behalten müssen. Wenn beide Seiten das Gefühl haben, gehört zu werden - oder eben gerade nicht.
„Herz zählt“ ist deshalb für mich kein Buch, das Eltern einfach erklären möchte, wie sie sich gegenüber Lehrkräften verhalten sollen. Und genauso wenig ist es eine Anleitung für Lehrkräfte, mit schwierigen Eltern umzugehen. Vielmehr versucht Saskia Niechzial, Verständnis für beide Seiten zu schaffen und gleichzeitig konkrete Wege aufzuzeigen, wie ein Miteinander funktionieren kann.
Ich würde das Buch am liebsten einmal in jede Familie mit Schulkindern und gleichzeitig in jedes Lehrkräftezimmer legen. Nicht, weil damit plötzlich alle Konflikte verschwinden würden. Aber weil Schule für alle Beteiligten leichter werden könnte, wenn Eltern und Lehrkräfte sich nicht ständig als Gegenseite betrachten.
Saskia Niechzial zeigt in „Herz zählt“, wie dieses Miteinander aussehen könnte. Und nach vier Jahren Elternvertretung kann ich nur sagen: Ein bisschen mehr davon könnte Schule tatsächlich gebrauchen.
©2026 Mademoiselle Cake
buchige Daten:
Titel: Herz zählt
Untertitel: Wie Eltern und Lehrkräfte Schule gemeinsam besser machen
Text: Saskia Niechzial
Stimme: Felicity Grist
Verlag: Lagato
Ersterscheinung: 2026
Genre: Sachbuch
Rezension vom: 01.10.26


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